Ethik des Interviews

Ethik des Interviews

 

Gliederung: 

1. Kurze Einleitung des Themas

2. Leitfaden für das Interview (besonderer ethischer Bezug)

  1. Recherche
  2. Eigene ethische Sichtweise
  3. Richtlinien im Bezug auf Fragestellungen
  4. Fragen Katalog

3. Ethik Im Dokumentarfilm

  1. Warum ist Ethik Im Dokumentarfilm Wichtig 
  2. Moral
  3. Kategorischer Imperativ & Ehrenkodexe (PFLICHTLEKTÜRE)

4. Praktiken und Besondere Vorgehensweise

  1. Besondere Vorgehensweise bei Menschen mit Behinderung 
  2. Verdeckte Ermittlung
  3. Autorisierung und Moderne Modelle

5. Gesinnungsethik versus Verantwortungsethik (schnelle Übersicht)

6. Ethik Im Interview, Methoden, Praktiken und  Umgang mit den Interviewten

 

1. Einleitung

Die Gruppe der Ethik befasst sich fortlaufend mit dem schwierigen Thema der Ethik im Dokumentarfilm. Dabei wird herausgearbeitet, welche Problematiken es gibt und Lösungsvorschläge gegeben. Einstieg in die Materie bildet der von der Gruppe erarbeitet Leitfaden zum Führen von Interviews, mit Vier wichtigen Kernpunkten. 

Des Weiteren befasst sich die Gruppe mit der Ethik speziell im Dokumentarfilm, im Bezug auf Ehrenkodexe, Pressefreiheit/Kodex, Moral und dem Kategorischem Inperativ. Darauf basierend wird für dieses Thema genauer auf die Gesinnungsethik und Veratwortungsethik hingewiesen, die Kernunterschiede eines  ethischen Handelns im Dokumentarfilm aufzeigen. Hierbei ist wichtig zu erwähnen, das diese beiden Ethischen Ströme, nicht die einzig wichtigen Ströme sind, jedoch für unsere Arbeit mit der Ethik im Dokumentarfilm die letzte und größte Entscheidungsgrundlage darstellt. (Religions und Evolutionsethik werden hierbei vorhergehend vorrausgesetzt, da jemand der auf Grund solcher Ethikströmungen handelt nicht bis zur Gesinnungs oder Verantwortungsethik vorschreiten muss).

Abschließend werden noch ein Paar Interviewpraktiken und Tipps vorgeschlagen, welche sich bewährt haben und als Hilfreich im Sinne des Projektes angesehen wurden.

2. Leitfaden für das Interview

 „Der Respekt vor den Menschen, über die Sie schreiben, beginnt bei Ihrer Recherche [...]“.

-Alice Schwarzer- (Zitat Ballhaus folgt)

  1. Der wichtigste Aspekt vor Beginn des Interviews ist die Recherche über die Person mit der das Gespräch geführt werden soll. Wichtiger Bezugspunkt in diesem Kontext ist in erster Linie die Biografie: Herkunft, eine evtl. bestehende Glaubensüberzeugung, Lebenswerk(e) (in Bezug auf evtl. schon vorkommende ethische Konflikte), bereits existierende (u. a. auch stark polarisierende) Interviews mit der betreffenden Person etc. Die gesammelten Informationen können vorab auf wichtige Aspekte aufmerksam machen.

  2. Die obligatorische Auseinandersetzung des Interviewers mit seiner eigenen ethischen Sichtweise sollte Grundlange jedes Interviews sein (beispielsweise sei hier der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant angemerkt, auf den später eingegangen wird). Zu bedenken ist hierbei, dass gedankliche Auseinandersetzungen nie vollendete Prozesse sind und von der Entwicklung des laufenden Interviews beeinflusst werden können.

  3. Journalistisch betrachtet sind offene und neutrale Fragen evident. Dem Interviewten soll eine solche neutrale Ebene bewusst werden um ihn nicht mit voreingenommenen Gedankengängen zu konfrontieren und ihm den Raum für möglichst offene Antworten zu gewährleisten. Klischees und Vorurteile sind fehl am Platz. Zu beachten ist weiterhin, dass Fragen, die bestimmte Tabuthemen behandeln auf keinen Fall zu Beginn formuliert und die Erlaubnis solches anzusprechen nicht erfragt werden sollte. Dadurch könnte der Interviewpartner indirekt darauf aufmerksam gemacht werden, dass eine solche Thematik überhaupt existiere, was zu Verunsicherung führt und den Gesprächsablauf ungünstig beeinflussen könnte.

  4. Sich ein Fragenkatalog im Vorhinein zu überlegen wird von unserer Seite empfohlen, zumal dies auch dem Interviewer ein Gefühl der Sicherheit gibt. Bei eventuell auftretenden Problemen jeder Art oder Unsicherheiten sollte sich der Interviewer umgehend mit dem Projektleiter in Verbindung setzen um eine möglichst rasche Problemlösung zu besprechen. Wichtig hierbei ist sich klarzumachen, dass der Projektleiter in diesem Fall für das Ergebnis auch eine sehr große Verantwortung übernimmt.

 

3. Ethik im Dokumentarfilm

 

3.1. Warum ist Ethik im Dokumentarfilminterview wichtig?

Der Dokumentarfilmemacher hat für gewöhnlich seine Zielgruppe vor Augen. Während des Drehbuchschreibens, Filmens und Schnitt trifft er schon eine Selektion und unternimmt eine Interpretation der ihn umgebenden Welt. Dadurch bekommt der Zuschauer eine schon interpretierte Welt zu eigenen Interpretation. Aus diesem Grund ist es auch besonders wichtig, dass der Dokumentarfilmemacher eine gewisse ethische Verantwortung trägt. Auch den Protagonisten gegenüber trägt er diese Verantwortung. Die damit verbundene Ethik findet ihre Begründung in den Moralstandards der jeweiligen Gesellschaft und in deren Rechtsgebung, Kommunen und Individuen. Die Begriffe „Gut“ und „Böse“ sind so objektiv wie der Begriff „Wahrheit“ der „Faktenrealität“ entspricht. Die Einstufung der Begriffen „Gut“ und „Böse“ ist in den Händen der einzelnen Individuen, so Kees Bakker in seinem Aufsatz „The Good, the Bad, and the Documentary“

 

Why Are Ethical Issues Central to Documentary Filmmaking? (Bill Nichols)

In Bearbeitung.

 

3.2. Moral

Weiter wollen wir uns mit dem Begriff „Moral“ beschäftigen. Moral umfasst die Handlungsregeln, die Werte und die Normen einer Gesellschaft, durch die gemeinschaftliches Leben geordnet und ermöglicht wird. In der Disziplin der Ethik werden diese Handlungsregeln, Werte und Normen entweder nach den Möglichkeiten ihrer Begründung befragt oder schlicht beschrieben. Filmische Erzählungen haben häufig menschliches Leben und Handeln zum Gegenstand und besitzen dadurch vielfältige moralische Eigenschaften. Diese Eigenschaften können der filmischen Erzählung einen expliziten oder impliziten Sinn aus dem Bereich der Ethik verleihen. Grundsätzlich beschäftigen sich diverse Disziplinen mit den ethischen Aspekten ihres Gegenstandes. Seit Jahrtausende diskutieren Künstler, Wissenschaftler und die breite Öffentlichkeit immer wieder über den Zusammenhang von Kunst und Moral, bzw. Ethik und Ästhetik. Hauptthema ist es welche Rolle Moral in der Produktion und die Rezeption der Kunst spielen sollte, häufig sind davon Film, auch Dokumentarfilme betroffen.

Es werden diverse Standpunkte verteidigt: für die einen ist Kunst von vornherein moralisch fragwürdig (Platonisten), die anderen teilen die Überzeugung Kunst sei ein autonomer Bereich, auf den moralische Urteile nicht angewendet werden sollen (Autonomisten), eine weitere Reihe Kunstkompetenter billigt Kunst eine unterschiedlich starke ethische Dimension zu.

 

3.3.Kategorischer Imperativ & Ehrenkodexe


Kategorischer Imperativ

In den Überlegungen an welchen ethischen Grundsätzen sich ein Dokumentarfilmemacher zu orientieren hat, kann der kategorische Imperativ von Immanuel Kant besondes hilfreich sein. “Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.” lautet es in “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten”. Kant gebietet allen endlichen vernunftbegabten Wesen und damit allen Menschen, Handlungen darauf zu prüfen, ob sie einer universalisierbaren Maxime folgen und ob dabei die betroffenen Menschen je auch in ihrer Selbstzweckhaftigkeit berücksichtigt werden. Der kategorische Imperativ ist nach Kant keine inhaltliche Norm, sondern das einzige Handlungs- und Normenprüfkriterium. Wer wissen will, ob eine beabsichtigte, ausgeführt werdende oder schon geschehene Handlung moralisch richtig ist, muss die jeweilige Handlungsbeschreibung durch Abstraktion von den involvierten Personen in eine allgemeine Regel verwandeln und dann beurteilen, ob er die Anwendung dieser Regel denken oder wollen kann (z.B. auch unter dem Gesichtspunkt des Eigeninteresses). Unmoralische Handlungen erkennt man so an einer Form von Widersprüchlichkeit: So will z.B. ein Dieb, dass sein Diebesgut als sein Eigentum im Sinne einer allgemeinen Praxis der Zuschreibung von Eigentum an die rechtmäßigen Besitzer und der Verfolgung von Diebstahl anerkannt werde, obwohl er im Diebstahl die Institution des Eigentums selbst verletzt. Kants kategorischer Imperativ anders ausgedruckt mit der alltagssprachlichen Aufforderung „Stell dir vor, jeder würde (bzw. dürfte) das tun!“


Ehrenkodexe

In Deutschland gelten für journalistisch tätige Menschen auch einige Ehrenkodexe- der Pressekodex des deutschen Presserates und der Medienkodex des Netzwerks Recherche, die der freiwilligen Selbstkontrolle dienen. Inhaltlich verankert sind sie beide in den im deutschen Grundgesetz geltende Grundrechte. Bei Verstoss dagegen sind einige Sanktionen (bis hin zur öffentlichen Rüge, vorgesehen laut Pressekodex). Die Schreckkraft dieser Sanktionen mag doch gelegentlich in Frage gestellt werden. Hier geht es zum Pressekodex: http://www.presserat.info/inhalt/der-pressekodex/pressekodex.html und hier zum Medienkodex: http://www.netzwerkrecherche.de/nr-Positionen—Positionen-des-netzwerk-recherche/Medienkodex-des-netzwerk-recherche/

Best Practices in Fair Use

Auch wichtig ist der Leitfaden “Best Practices in Fair Use”, was auf internationaler Ebene existiert. Es ist ein speziell auf Dokumentarfilm zugeschnittes Werkzeug, zusammengetragen von einigen internationalen Dokumentarfilmvereinigungen, was sich auf Zitier- und Copyrightpraktiken im Dokumentarfilm bezieht.

 

4. Praktiken und Besondere Vorgehensweise

 

4.1. Der Mensch mit Behinderung im Dokumentarfilm

Filmbeispiele: Kopfleuchten (Mischka Popp und Thomas Bergmann, 1998), Shameless: The Art of Disability (Bonnie Sherr Klein, 2006), Behinderte Liebe (Marlies Graf, 1979), Here’s Looking at You, Kid ( William E.Cohen, 1979).

Idioten (Lars von Trier, 1998) „Darf ich Dich fotografieren?“ Außer einer tätowierten Biker Gruppe nimmt keiner die selbsternannten Idioten als Personen richtig ernst.

 Eine spezielle Rolle spielt die filmische Darstellung von Menschen mit Behinderung oder anderen schutzbedürftigen Personen, die sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen oder körperlichen Kräfte befinden. Da ist eine besondere Zurückhaltung geboten. Der behinderte Mensch im Film wird häufig stereotypisiert und als Schützling und/oder Opfer dargestellt. Menschen mit Behinderung haben einen schwereren Stand, werden häufig in abgesonderten Einrichtungen untergebracht und werden als „anders“ wahrgenommen. Filme sind aber in der Lage, Verhaltensprozesse aufzuzeigen, Lernprozesse im Gang zu setzten, Gefühle anzusprechen und Vorurteile zu bilden. Eine Einstellungsbildung und -änderung durch die Massenmedien zu denen Dokumentarfilm gehört ist sehr erwünscht. Ein gutes Beispiel für einen gelungenen Dokumentarfilm, der solch eine bildende Rolle spielt ist „Kopfleuchten“ von Mischka Popp und Thomas Bergmann. Der Film beschäftigt sich mit den Themen neurologischer Erkrankungen, Hirnverletzungen, Schlaganfällen und Psychosen. In derselben Kategorie wäre auch „Shameless: The Art of Disability“ von Bonnie Sherr Klein zu erwähnen, wo das Besondere ist, dass die Filmemacherin selbst behindert ist.

 

4.2. Verdeckte Ermittlungen/Recherchen

Der Presserat hält verdeckte Recherchen ausnahmsweise für zulässig, wenn ein überwiegendes öffentliches Interesse an Informationen besteht und wenn diese Informationen nicht auf andere Weisen beschafft werden können. Hier gilt es Nutzen und Schaden gegenüber abzuwegen. Auch bei der Abwägung sollte man nicht vergessen, dass man zum Beispiel beim heimlichen Dreh mit Mikrofon gleich gegen mehrere Gesetze verstößt. Besonders ausführliche Informationen dazu gibt es auf der Seite www.netzwerkrecherche.de.

 Eine besonders berühme Art der verdeckten Ermittlung ist das s.g. Wallraffen, dessen Vorteile unverstellter Blick auf eine Alltagswirklichkeit und die Möglichkeit durch die andere Perspektive eigene Vorurteile abzubauen sind und dadurch bestimme gesellschaftliche Teilbereiche besser verstanden werden könnten. Auch die Unabhängigkeit von einem Informanten zählt zu den Vorteilen. Nachteile hingegen sind, dass ein großer Aufwand betrieben wird, negativ zu bewerten sind die dami verbundene Kosten, auch die psychischen und teils physischen Belastungen. Medien- und strafrechtliche Normen können hierbei verletzt werden.

 

4.2. Autorisierung und Moderne Modelle


Autorisierung

Zu nennen ist die fast ausschließlich in Deutschland verbreitete Autorisierungspraxis,. Pressesprecher, Publizisten, Politiker und sonstige Verantwortliche mischen nach allen Kräften in Interviews und sonstige Statements und verändern dadurch den Sinn des gesagten bis hin zur Unkenntlichkeit. Das gilt besonders für Printmedien, Radio und Fernsehen sind hingegen flüchtig, da ist eine Autorisierung in der Regel garnicht möglich. Im Dokumentarfilmbereich muss sich der Filmemacher darüber im Klaren sein, dass eine abgemachte Autorisierung Probleme nach sich ziehen kann, z.B. wenn ein Protagonist aus rein subjektiven Gründen nach Endfertigung seine Autorisierung verweigert. Der zu erwartende Schaden trifft eine ganze Filmcrew und kann zur grossen finanziellen Schwierigkeiten führen.

Informed consent/public right to know

 Filmbeispiel: „The Good Woman of Bangkok“ von Dennis O’Rourkes. Die oft beschworene Idee des „informed consent“ ist für Regisseur Dennis O’Rourkes bestenfalls eine Gewissensberuhigung des Regisseurs. Dass er seine Karten von vorneherein auf dem Tisch legt und nicht versucht seine Absichten zu verstecken, ist für ihn selbstverständlich. Jedem wird das Recht gestanden ob er gefilmt werden möchte oder nicht. Doch selbst wenn ein Protagonist noch so aufgeklärt über das Vorhaben des Films ist und seine Zustimmung teilzunehmen noch so bewusst gibt, bleibt der Filmemacher allmächtig. Schon alleine weil die Gefilmten auf die Postproduktion in der Regel kein Einfluss haben, können sie niemals vorhersehen wie die fertige Fassung schließlich aussehen wird. (Julia Bayer) Ähnlich sieht das auch Kees Bakker in seinem Aufsatz „The Good, the Bad, and the Documentary“ Nicht immer hat man die Möglichkeit den Kontakt zur gefilmten Person zu behalten. Auch ist die Frage der Rezeption durch das Publikum hier aufzuwerfen, nicht immer sind deren Reaktionen berechenbar. Selbstverständlich darf der Informed Consent nicht durch Einschüchterung oder Zwang eingeleitet werden.  

Linda Williams schreibt in ihrem Artikel „The Ethics of Documentary Intervention“ über die Verpflichtungen des Filmemachers gegenüber Wahrheit und Ethik.“There is no whole truth because there is no objective place to stand to see it. There is no perfect ethical solution to the question of documentary intervention.“ Nach Williams gibt es keine perfekte ethische Lösung für die Frage danach, ob, wie und wie weit der Dokumentarfilmer in das, was er filmt, eingreifen soll oder darf. Gerade weil es keine perfekte ethische Lösung geben kann, an die man sich halten könnte, muss sich der Filmemacher immer wieder mit dem Thema Ethik auseinander setzen und sein Handeln auf dessen Konsequenzen hin in Frage stellen. Der Dokumentarfilm- Wissenschaftler Brian Winston hat sich ebenfalls mit der Frage nach Ethik und Dokumentarfilm auseinander gesetzt und beschreibt „informed consent“ und „public right to know“ als die beiden bis heute entscheidenden ethischen Grundsätze, auf die sich Dokumentarfilmer berufen.

Collaborative Anthropology/ Participatory Anthropology

Collaborative Anthropology hat den Anspruch die ethisch überlegene Disziplin zu sein, weil die Individuen oder Gruppen, die Gegenstand der Untersuchungen sind, aktiv an der Untersuchung, deren Methoden oder damit verbundene Publikationen teilnehmen können. Das ist allerdings ein neueres Modell, das voraussetzt, dass es sich um Teilnehmer handelt die dazu in der Lage sind, also alphabetisiert und sozial bewusst sind.

 

5.Gesinnungsethik versus Verantwortungsethik

„Da liegt der entscheidende Punkt. Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann »gesinnungsethisch« oder »verantwortungsethisch« orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: »Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim« –, oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat“ (Max Weber).

 

Gesinnungsethik

Vergleichspunkt

Verantwortungsethik

Absolute Werte, keine Ausnahmen

 

Die Handlung ist gut oder schlecht

 

Individuelle, persönliche Gewissensverpflichtung

 

Beurteilungskriterien

Die Folgen entscheiden über sittlich gut oder schlecht

 

Eine Handlung kann sowohl gut wie schlecht sein

 

Gesellschaftliche Verantwortung für alle

Mönche

 

Heilige

 

Idealisten

Adressaten

Realisten

 

Praktiker

 

Politiker

Eindeutige, vorgegebene Werthierarchie

 

Das Böse kommt vom Menschen

 

 

 

 

Unbedingte Menschenliebe

 

 

Das Vollkommene hasst das Unvollkommene

 

 

 

 

Absolute Gewaltlosigkeit

 

 

Enge Auslegung

Kontext

Relative Wertehierarchie

 

 

Das Böse ist ein vorgegebenes, nicht abschaffbares Übel

 

Das kleine Übel im Gewissenskonflikt

 

Realistisches Abwägen, Kompromissfähigkeit

 

 

Mit Bosheit und Aggression der anderen muss gerechnet werden

 

Gewaltduldung, um Schlimmeres zu verhindern

 

Weite Auslegung

Werte haben in jedem Fall absolute Geltung

 

Individuelle Orientierung

Probleme

Liebe ist gegen Terrorismus chancenlos

 

Gesellschaftliche Orientierung

Folgen für mich, Verantwortung für mich, Auslegung im wörtlichen Sinn

 

Folgen, Verantwortung, Auslegung

Hinweis: Die Gegenüberstellung ist an manchen Stellen leicht überzogen um die Polarität besser hervorzuheben.

 

6.Ethik im Interview

Um an Informationen heranzukommen, werden Strategien angewandt, die bewusst dazu führen, dass sich das Gegenüber öffnet: hierbei soll vor allem (möglicherweise auch durch Vorspielen des Interesses an einer bestimmten Thematik) eine Vertrauensbasis geschaffen werden, denn das Gefühl des Vertrauens verleitet die Interviewten zu Aussagen, die sie unter Umständen nicht preisgegeben hätten. Wer das Vertrauen der Interviewenden erwirbt, sollte allerdings die Verpflichtung eingehen, verantwortlich mit den erworbenen Informationen umzugehen. Eine mögliche Folge einer unethnischen Verwendung dieser Informationen, zeichnet sich unter Umständen in der Tatsache ab, dass sich ein solcher Informant benachteiligt fühlt, daraus fürs Leben lernt und möglicherweise zu einem von denen wird, deren Misstrauen auch mit viel Bemühen nicht mehr zu durchbrechen ist. Es liegt folglich im Interesse des Fragenstellenden, vorab abzusprechen ob und in welcher Weise sensible Informationen, die den Antwortgebenden in eine missliche Lage (z. B. innerhalb seines sozialen Umfeldes) bringen könnten, verwendet werden dürfen. Wichtig dabei ist, falls man als Interviewer auf solche sensiblen Daten hinaus möchte, dem Menschen klar vor Augen zu führen, warum man diese benötigt. Sprich: Man sollte ehrlich über die Intention des Gespräches sprechen. Denkbar wäre es auch, den Informanten rechtzeitig vor dem Aussprechen sensibler Daten zu stoppen oder aber zumindest unmittelbar Diskretion zu bezeugen.

Allerdings stellt sich allgemein die Frage, ob Manipulation im Sinne einer gewählten Fragetechnik oder gespieltes Interesse ethisch vertretbar ist, selbst wenn zu einem gegebenen Zeitpunkt die Situation aufgeklärt wurde (Verantwortungsethik!?). Ein konkretes Beispiel hierzu ist die sogenannte Phased Assertion:

Dabei tut man als ob man schon etwas wüsste, damit sich einem das Gegenüber anvertraut. Man behauptet zum Beispiel den Grund zu kennen, warum etwas nicht funktioniert oder man weiß bereits wie beispielsweise ein gewisses Ritual funktioniert. Je mehr man vorgibt zu wissen, desto wohler fühlen sich Menschen angesichts eines vertrauteren Umgangs. Sie haben dann nicht mehr das Gefühl, etwas ausgeplaudert oder Geheimnisse bewusst und selbstständig enthüllt zu haben. Zur Phased Assertion gehört darüber hinaus auch das bewusste Darlegen falscher Annahmen zu einem sensiblen Thema, weil der Informant dazu verleitet wird etwas richtig zu stellen und somit Geheimnisse tatsächlich dann erst an den Interviewenden geraten.

Interviewpartner haben ein legitimes Interesse daran zu erfahren, was aus ihren Informationen und Vorschlägen geworden ist. Andererseits ist ein individuelles Feedback in der Praxis schwer zu realisieren: kaum jemand, hat die Zeit, nach Abschluss des Projekts alle Interviewten noch einmal aufzusuchen und sie über die Ergebnisse der Studie zu informieren. Hierbei hat sich trotzdem folgende Möglichkeit gut bewährt: den Gesprächspartnern im zweiten Teil der Interviews schon einen ersten Einblick in den aktuellen Stand der eigenen Erkenntnisse zu geben, was zugleich die Chance eröffnet eine kritische Rückmeldung aus erster Hand zu bekommen.

 

 Category:Interviewtheorie

Categories: